mardi 29 décembre 2015

Ochs und Esel





Es gibt recht unterschiedliche Krippen, aber im grossen und ganzen erinnern sie an das, was wir in den Evangelien lesen: an die heilige Familie, an ganze Scharen von Engeln, an Hirten mit ihren Schafen, an die drei Könige…. (Lukas 2,1-20; Matthäus 2,1-12) Aber dann finden wir fast bei jeder Krippe etwas, wovon in den Evangelien überhaupt nicht die Rede ist: den Ochs und den Esel. Und ich bin sehr beruhigt, wenn sie da sind.
Ich habe auch eine Erklärung, weswegen das so ist. Weihnachten ist ja das Fest der Liebe und des Friedens. Und an Weihnachten möchten wir besonders liebevoll und besonders friedlich miteinander umgehen. Und ausgerechnet an Weihnachten gelingt uns das nicht – gerade weil wir es so gut machen wollen. Wir ärgern uns dann über uns selbst – auch nicht gerade die beste Voraussetzung, um Mitmenschen liebevoll zu begegnen.
Dann kann es hilfreich und tröstend sein, zur Krippe zu gehen. Vielleicht ist es nicht immer so leicht, sich in diesen Gestalten wiederzufinden. Die Heilige Familie ist schon gar weit entfernt von uns. Die Hirten sind zwar drollig und die Engel ab und zu auch, aber messen möchten wir uns mit ihnen nicht. Auch die heiligen drei Könige sind für uns eine Schuhnummer zu gross. Und da bin ich eben froh um den Ochs und den Esel. Die sind nun wirklich nichts Besonderes und sie brauchen auch nichts Besonderes zu sagen. In ihnen kann ich mich am ehesten wieder erkennen. Ich bin ja auch nichts Besonderes, und etwas Besonderes habe auch ich nicht zu sagen. Aber wenn Ochs und Esel an der Krippe Platz haben, so denke ich mir, dann hab ich sicher auch Platz.
Zwar ist in den Evangelien vom Ochs und Esel nicht die Rede. Aber ganz zufällig sind sie nicht da. Wenn von der Krippe die Rede ist, erinnere ich mich unwillkürlich an den Propheten Jesaja, dessen Buch mit einem Wort von der Krippe beginnt. Da heisst es:
Söhne habe ich aufgezogen und gross gemacht; sie aber sind mir untreu geworden. Der Ochs kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe des Herrn. Mein Volk aber hat keine Einsicht.
Zu dem Volk, von dem hier die Rede ist, gehöre auch ich. In der Tat bin ich oft noch uneinsichtiger als ein Ochs und störrischer als ein Esel. Aber wenn der Ochs und der Esel bei der Krippe sind, habe doch auch ich eine Chance.
Vielleicht ist das die Weihnachtsbotschaft, und vielleicht ist das der Grund, weswegen wir an Weihnachten einander beglückwünschen: Gott ist Mensch geworden, und darum haben alle eine Chance. Auch der Ochs und der Esel. Auch Du. Und – vielleicht – auch ich.
Hermann-Josef Venetz


lundi 21 décembre 2015

Ausgerechnet Hirten (zu Lukas 2,8-14)



Der Bote Gottes geht nicht zuerst zu Maria und Joseph und zum Kind, das eben auf die Welt gekommen ist. Die Herrlichkeit des Ewigen umstrahlt nicht die heilige Familie. Die Menge der himmlischen Heerscharen stimmt nicht bei der Krippe das Gloria an.

Hirten stehen im Mittelpunkt. Zu ihnen als erste kommt der Bote Gottes, gerade so, als ob sie die wichtigsten Leute wären, denen als erste die Gute Nachricht mitgeteilt werden muss. Hirten sind es, die als erste in das Licht Gottes hineingenommen werden. Die Hirten sind die ersten, die den himmlischen Gesang vernehmen: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede den Menschen, die er liebt. Nicht an erster Stelle Menschen, mit Rang und Namen, nicht an erster Stelle Brave und Heilige stehen vor Gott. Friede, Freude, Segen, Licht... all das betrifft zuerst die Menschen, denen Gott besonders nahe sein will. Und um das ja deutlich zu machen, nimmt der Bote Gottes nicht an erster Stelle die Priester und die besseren Leute in sein Licht hinein, sondern die Hirten, die nicht nur herzig und drollig sind, sondern vor allem bärbeissig, eigenwillig und grobschlächtig sein können.

Alles ist ganz anders als man es erwartet: die Botschaft – dass nämlich der Retter und Herr im Kind in der Krippe erschienen ist; die Leute, an die sich die Botschaft richtet – Menschen, die keinen guten Ruf haben. Alles ist ganz anders als man es erwartet.

Entscheidend ist nicht, dass wir uns abmühen, entscheidend ist nicht, dass wir möglichst brav sind und gut dastehen. Weihnachten will uns sagen: Entscheidend ist, dass Gott für die Kleinen und Vergessenen einsteht.

Das ist auch das, was uns zusammenhält und neu anfangen lässt.

Hermann-Josef Venetz

mercredi 16 décembre 2015

Andere Massstäbe
Gedanken zum Advent



Saul, der erste König von Israel, ist gescheitert. Er folgte seinen eigenen Machtgelüsten und tat nur das, was ihn selber vorwärtsbrachte – ohne Rücksicht auf das Volk und auch ohne Rücksicht auf die Weisungen Gottes. So schickte denn Gott seinen Propheten Samuel nach Bethlehem – einen ziemlich unbedeutenden Ort – um dort einen der Söhne Isais zum König salben. Samuel machte sich auf ohne zu wissen, wer von den Söhnen es sein sollte (vgl. 1 Samuel 16,1-13).
Im Auftrag Gottes lud er das ganze Dorf zum Opfer und zum anschliessenden Fest-Mahl ein. Besondere Gäste waren natürlich die Mitglieder der Sippe Isais. Dieser kam mit seinen erwachsenen Söhnen und stellte sie dem Propheten vor. Einer stattlicher und imponierender als der andere, und bei jedem dachte sich Samuel: Das muss er sein! Und jedes Mal sagte ihm Gott: Nicht den habe ich erwählt!
Samuel erging es wie allen Menschen, wenn sie an einen König denken: Er muss gross und stattlich und mächtig sein, er muss imponieren und sich durchsetzen können. Sozialkompetenz ist gefragt, so nennt man das heute. Für Samuel wäre eigentlich jeder der sieben Söhne in Frage gekommen, aber bei jedem musste er von Gott das gleiche hören: Nicht der ist’s, den ich meine.
Samuel war ratlos, ist er doch geschickt worden, einer der Söhne Isais zum König zu salben. Darum fragte er Isai: Sind das alle deine Söhne? Der antwortete: Ja… schon…, das heisst der Jüngste, David, fehlt; der hütet gerade die Schafe. Samuel sagte zu Isai: Lass ihn holen; wir wollen uns nicht zum Mahl hinsetzen, bevor er da ist.
Isai schickte also jemand hin und ließ ihn kommen. Kaum stiess David zur Runde, sagte die Stimme zu Samuel: Auf, salbe ihn! Er ist es.
Offensichtlich steht Gott auf der Seite derer, die für die Menschen gar nicht zählen, auf der Seite derer, die schnell in Vergessenheit geraten, weil sie zu jung, zu unscheinbar, zu unbedeutend sind. Wir schauen auf das Imponierende, auf das Tüchtige und Mächtige. Bei Gott ist es nicht so.
Die vorweihnachtliche Zeit kündet sich bereits an: Die Hirten sollen den Neugeborenen, den Messias, nicht in einem übermächtigen Potentaten suchen, sondern in einem obdachlosen Kind, das in einem Futtertrog liegt. Der Gott, von dem wir reden: Er lässt sich nicht finden, es sei denn, wir beugen uns und suchen ihn im Kleinen und Geringen und Verachteten.
Das muss gelernt sein. Die Zeit dafür ist da.
Hermann-Josef Venetz


samedi 12 décembre 2015

Hoffen ist anders



Der Pessimist sagt: »Ich bin kein Pessimist, ich bin Realist; ich betrachte die Dinge so, wie sie sind.« Der Optimist sagt: »Ich bin kein Optimist, ich bin Realist; ich betrachte die Dinge so, wie sie sind.«
Solche Aussagen sind verständlich. Der Pessimist steht im Verdacht, ein Schwarzseher zu sein und die Dinge schwärzer zu sehen, als sie sind. Der Optimist steht im Verdacht, blauäugig zu sein und die Dinge in helleren Farben zu sehen, als sie sind.
Sowohl Optimisten als auch Pessimisten möchten Realisten sein. Sie haben auch gute Gründe für ihre jeweilige Weltsicht, ohne dass ihnen Weltfremdheit vorgeworfen werden muss. Ihre Gründe sind ernst zu nehmen, sind überprüfbar und oft auch nachvollziehbar. Es gibt gute Gründe, die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz optimistisch einzuschätzen. Es gibt aber auch gute Gründe, die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz pessimistisch zu sehen. Kann sein, dass morgen die Einschätzung wieder eine ganz andere sein wird.
Hier ein anderes Beispiel. Es gibt Tage, an denen ich die Entwicklungen in der Kirche eher pessimistisch einschätze. Dann gibt es aber auch Tage, an denen ich die selben Entwicklungen eher optimistisch betrachte. Sowohl meinen Optimismus wie auch meinen Pessimismus kann ich durch meine so genannte realistische Einschätzung gut begründen: Es gibt konkrete Beobachtungen und Erfahrungen; es gibt Belege aus der Geschichte; es gibt Berechnungen und Prognosen von Leuten, die es doch wissen müssen. Freilich können diese Berechnungen und Prognosen morgen wieder andere sein.
Hoffnung ist etwas anderes. Sie ist ‚jenseits’ von Optimismus und Pessimismus. Sie gründet nicht auf Einschätzungen und Berechnungen und Prognosen, so realistisch diese auch sein mögen. Hoffnung hat etwas mit Glauben zu tun. Darunter verstehe ich nicht Theologie oder ein besonderes Wissen. Unter Glauben verstehe ich eine Beziehung. Eine Beziehung zu einem Du.
Um es mit anderen Worten zu sagen: Mich trägt nicht der Optimismus, auch nicht mit allen seinen guten und realistischen Gründen – es wäre das für mich eine zu schmale Basis. Mich trägt die Beziehung zu einem Du, das ich Gott nenne. Und dieses Du wechselt nicht alle paar Tage. Es ist das Du, das mich ins Leben ruft und beim Namen nennt, das mit mir etwas vorhat und mir etwas zumutet und mich auch dann noch trägt, wenn alle Berechnungen und Prognosen nach unten zeigen.
Hermann-Josef Venetz

lundi 30 novembre 2015

Bleibt!



Die Abschiedsreden im Johannesevangelium (14-17) klingen sehr ruhig und abgeklärt. Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch, sagt Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern. Eine traute Idylle steigt in uns auf.
Wenn dann aber innerhalb weniger Verse neunmal vom bleiben die Rede ist, darf man sich zu Recht fragen, ob das Bleiben für viele der damaligen Christinnen und Christen nicht zum Problem geworden ist. Aus dem vermeintlich so ruhig dahinplätschernden Evangelium können wir entnehmen, dass die Gemeinde, die der Evangelist vor Augen hat, deutliche Risse aufweist – wenn sie nicht schon auseinandergebrochen ist.
Da gab es einige, die im gekreuzigten und auferweckten Jesus von Nazaret so etwas wie einen neuen Mose erkannten. Im Ersten Testament wurde er ja verheissen: der Prophet wie Mose, der dem Volk alles sagen wird, was Gott ihm aufgetragen hat, ein Prophet auch, der Zeichen und Wunder wirken wird wie Mose (Deuteronomium 18,18). Und mit leuchtenden Augen erzählten sie, wie Jesus mit wenigen Broten mehrere tausend Leute gesättigt hat.
Da gab es andere, denen das nicht genügte. Nicht Jesus von Nazaret war für sie entscheidend, nicht sein Leiden und Sterben und Auferstehen, erst recht nicht die Wunder. All das ist höchstens für die ‚einfachen Gläubigen’ wichtig. Für die wahrhaft ‚Eingeweihten’ ging es einzig um den Christus, der das Wort ist, die Wahrheit, das Leben, in das sie hineintauchen konnten. Es war fast so, als ob sie von dieser Welt, von der sie eh nicht viel hielten, bereits abgehoben waren. Sie sahen sich zu Höherem und Besserem bestimmt, lebten jetzt schon die Vollendung und blickten etwas mitleidig, wenn nicht gar verachtend auf diejenigen herab, die über die Alltäglichkeiten des Lebens nicht hinauszusehen vermochten.
Beide Gruppierungen sprachen einander den ‚richtigen Glauben’ ab.
Der Evangelist Johannes wollte in erster Linie nicht über den ‚richtigen Glauben’ entscheiden. Er möchte, dass alle bleiben, so unterschiedlich ihre Glaubensüberzeugungen auch sind. Er möchte, dass sie beieinander bleiben und von einander lernen und für einander da sind.
Nicht der ‚richtige Glauben’ ist entscheidend, über den sich so leicht reden lässt, sondern das Bleiben, das Ausharren – auch und gerade in all den schweren Glaubensnöten, die uns heimsuchen.
Hermann-Josef Venetz

jeudi 26 novembre 2015

Schon und noch nicht




 Die Spannung von schon und noch nicht ist ein Merkmal des christlichen Glaubens. Auch unsere Feste und Feiern sind von dieser Spannung geprägt.
An Weihnachten singen wir: Christ, der Retter ist da.
An Ostern verkünden wir aller Welt: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt.
An Himmelfahrt: Er sitzt zur Rechten Gottes, des Vaters.
An Pfingsten: Er hat und seinen Geist gesandt.
Wir schauen also einerseits auf das zurück, was bereits eingetroffen ist, gleichzeitig müssen wir aber auch feststellen, dass das, was schon geschehen oder gegeben ist, noch nicht in ganzer Fülle da ist.

Andererseits lassen uns unsere Feiern nicht nur auf das zurückblicken, was schon <geschehen ist, sondern stiften in uns auch die Hoffnung auf das, was noch auf uns zukommt.
So blicken wir an Weihnachten wohl auf die Geburt des Messias zurück, aber gleichzeitig bringen wir unsere Hoffnung auf das endgültige Kommen des Retters zum Ausdruck.
Ostern ist nicht nur die Erinnerung an die Auferweckung des gekreuzigten Jesus; wir feiern die letztgültige Überwindung des Todes und die Auferweckung aller Verstorbenen.
Himmelfahrt ist nicht ein einmaliges Ereignis in der Vergangenheit; das Fest gibt der Sehnsucht Ausdruck, dass derjenige, der zur Rechten Gottes sitzt, für immer bei uns sein wird.
Das Pfingstfest lässt uns wohl an den Sturm und an die feurigen Zungen erinnern, die auf ‚alle Brüder und Schwestern’ herabgekommen sind, aber es bestärkt uns auch in der Erwartung, dass wir und alle Welt vom Feuer des Geistes erfasst und erfüllt werden.

In der Eucharistiefeier wird dieses Geheimnis gut zusammengefasst:
Deinen Tod, o Herr, verkünden wir,
Und deine Auferstehung preisen wir,
Bis du kommst in Herrlichkeit.

Noch kürzer ein in der frühen Kirche weitverbreiteter Ausruf:
Maranatha !
Was so viel bedeutet wie:
Unser Herr kommt !
oder
Komm, Herr Jesus !
(vgl. 1. Korintherbrief 16,22 und Offenbarung 22,20)

Hermann-Josef Venetz



mercredi 18 novembre 2015



Tod, wo ist dein Stachel?


Seit altersher bringt uns der Monat November den Verstorbenen und dem eigenen Tode nahe.
Die uns im Glauben vorangegangen sind, so nennt die Kirche in ihren Gebeten die Verstorbenen; Paulus nennt sie die Toten in Christus (1. Thessalonicherbrief 4,1), und Jesus sagt den Sadduzäern, die sich über die Auferstehung lustig machen: Für ihn, Gott, sind alle lebendig (Lukas 20,38).
Keine andere Erfahrung und keine Wirklichkeit fordert unseren Glauben so sehr heraus wie der Tod. Der Glaube darf diese Wirklichkeit weder verdrängen noch übertünchen. Wer sich zum gekreuzigten Messias Jesus bekennt, kann angstlos dem Tod ins Gesicht schauen, nicht nur dem sanften, erlösenden Tod, sondern auch dem Tod, der uns in verschiedenen und erschreckenden Fratzen entgegentritt. Seitdem Gott sich selbst in Jesus Christus in die Abgründe des Leidens und Sterbens hineinbegeben hat, hat der Tod alles Fluchwürdige und Entsetzliche verloren. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? – so fragt Paulus (1. Korintherbrief 15,55)
Oder auch so gefragt: Auf was vertraue ich, wenn es mit mir zu Ende geht?
- Auf ein Leben, das nach dem Tod irgendwie weitergeht?
- Auf eine unsterbliche Seele, jenem Bestandteil meiner selbst, der unzerstörbar, weil geistig ist?
- Auf eine Reinkarnation, eine Art Wiedergeburt, die mir auch weiterhin die Möglichkeit der Selbstentfaltung eröffnet?
- Auf meine guten Werke, um die ich mich zeitlebens redlich bemüht habe?
- Auf ein freundliches Nichts, das mich gnädig auflöst?
Was mich anbelangt: ich möchte glauben und vertrauen dürfen, dass Gott sein liebendes Ja, das er mir einmal zugesagt hat, auch durch mein Scheitern durchhält, auch durch mein Zweifeln und Verzweifeln, auch durch mein Sterben. Oder – um es ganz einfach zu sagen –: ich möchte glauben und vertrauen, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Stärker als mein und auch dein Tod. Stärker als unser aller Tod.

Hermann-Josef Venetz

Amnestie
(nach Matthäus 18,23-35)


Ein Knecht stand bei seinem Herrn in der unvorstellbar riesigen Schuld von 10 000 Talenten. 1 Talent war zur Zeit Jesu die grösste Geldeinheit, und 10 000 war die grösste Zahl, mit der man noch rechnete – eine grössere Schuld kann es also gar nicht geben.

Auf inständiges Bitten des Knechtes erlässt ihm der Herr die ganze Schuld! Aber dieser eben amnestierte Knecht bringt es nicht fertig, seinem Mitknecht die lächerliche Schuld von 100 Denaren zu erlassen – das sind ziemlich genau der millionste Teil der 10 000 Talente – und das obwohl ihn dieser nicht weniger inständig um Stundung bittet. Das ist ein Skandal!


Christinnen und Christen – ja eigentlich alle Menschen – stehen als Amnestierte in der Welt. Sie sind frei. Sie brauchen sich nicht mehr zu ängstigen. Sie brauchen sich von der Last ihrer Schuld nicht aufreiben, von Schuldkomplexen nicht versklaven zu lassen. Die Frage ist nur, was sie mit ihrer Freiheit tun. Ob andere etwas von dieser Amnestie zu spüren bekommen: die Asylanten, die verschuldeten Länder, die Verleumder? Oder ob der befreiende Zug der Amnestie bei ihnen selbst ans Ende gelangt?

Wo die Amnestie, das bedingungslose Verzeihen, nicht weitergeht, wird es für die Menschen und die Welt keine Zukunft geben.

Hermann-Josef Venetz

lundi 12 octobre 2015

Ehe als Vision
 Marc Chaggal

Die biblischen Darstellungen von den Anfängen der Welt und der Menschen, wollen uns nicht sagen, was vor vielen tausend Jahren passiert ist. Das ist Sache der Naturwissenschaftler, der Historiker und Ethnologen. Die Bibel hat uns viel Wichtigeres zu sagen. Auf unterhaltsame Art erzählt sie, wie es um uns Menschen steht, um das Verhältnis zwischen Frau und Mann, um das Verhältnis auch zwischen Gott und uns Menschen. Die biblischen Schriftsteller wussten: Von Gott kann man nur in Bildern und Gleichnissen reden. Und diese sind wahrer und fantasievoller als Fakten und Zahlen.
Nach dem Schöpfungsbericht in Genesis 2,4ff tritt Gott bei der Erschaffung des Menschen zuerst als Töpfer auf. Er verarbeitet Erde und Wasser zu einem menschenähnlichen Gebilde. Aber das ist noch nicht alles. Damit dieses Gebilde ein Mensch wird, bläst ihm Gott seinen eigenen Lebensatem in die Nase. Das sagt sehr viel über den Menschen: Er ist aus der Erde genommen, also mit der Erde verwandt, aber er lebt aus der Mund-zu-Mund-Beatmung durch Gott.
Aber es geht noch weiter. Gott selbst muss feststellen: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist; er muss ein Wesen neben sich haben, das zu ihm passt und ihn gewissermassen ergänzt. Und jetzt tritt der Ewige als plastischer Chirurg auf. Er lässt einen Tiefschlaf d.h. eine Art Narkose über den Menschen kommen, entnimmt ihm eine Rippe, füllt die Stelle mit Fleisch, damit das Wesen, das da wird, ja nicht zu kurz kommt, und formt die Rippe zu einer Frau. Dann führt er diese wie ein Brautführer dem Menschen zu. Und jetzt geht ein Freudenschrei des Menschen durch die Welt: Endlich! Das ist sie! Eine wie ich! Eine, mit der ich eins werden kann; sie ist ja von mir genommen!

In diesem Monat versammeln sich Bischöfe der römisch-katholischen Kirche mit dem Papst zur sogenannten Familiensynode. Schade, dass da nur unverheiratete Männer zusammenkommen. Aber lassen wir das. Meine Hoffnung ist die, dass sich diese Männer von den wunderbaren Bildern der Bibel faszinieren lassen und nicht gleich wieder Regeln und Gesetze daraus machen. Die Bibel zeichnet uns einen Gott, der grösser und liebevoller ist als unser Herz, grösser und fantasievoller auch als all unser Denken. Die Vision des Reiches Gottes – dazu gehört eben auch die Ehe – lässt sich nicht in Gesetze einfangen. Für die Vision des Reiches Gottes können wir uns immer nur öffnen, damit wir und unsere Welt jeden Tag friedlicher, gerechter und glücklicher werde. So beten wir auch täglich: Dein Reich komme!
Hermann-Josef Venetz

jeudi 8 octobre 2015

Bibel und Liturgie (2)

Die junge Kirche und ihr Gottesdienst 

Maximino Barrezo
 

Jesus selbst hatte gegenüber der Liturgie eine ambivalente Haltung; vergleiche dazu den vorausgehenden Beitrag. Es braucht uns also nicht zu erstaunen, wenn wir diese etwas verwirrende Haltung auch in den jungen christlichen Gemeinden wiederfinden.
1. Die Apostelgeschichte berichtet uns wie selbstverständlich, dass die Jerusalemer Christinnen und Christen täglich im Tempel weilten (2,46), dass die Apostel Petrus und Johannes zum Gebet der neunten Stunde zum Tempel hinaufstiegen (3,1), dass Paulus und seine Begleiter am Sabbat die Synagogen aufsuchten (18,4 u.ö.) usw.
2. Andererseits finden wir aber – ganz im Gefolge Jesu – auch kultkritische Bemerkungen in christlichen Kreisen. Der Evangelist Matthäus legt Jesus zweimal (!) das Prophetenwort aus Hosea 6,6 in den Mund: Ich will nicht, dass ihr mir Opfer bringt, sondern dass ihr barmherzig seid (Matthäus 9,13; 12,7). Paulus (1.Korintherbrief  10,1-5) und Johannes  (4,23; 6,63) mussten allem Anschein nach Haltungen kritisieren, die die Teilnahme am Sakrament auch schon als sichere Teilnahme am Heil deuteten. 
3. Dann wiederum kann man feststellen, dass die jungen Gemeinden, was die Gestaltung ihrer Gottesdienste anbelangt, ziemlich frei vorgegangen sind, wie das ein Blick nach Korinth (1. Korintherbrief 14) zeigt oder ein Blick in jene Gemeinden, denen Jakobus empfiehlt, dass der Kranke die Presbyter zu sich rufen solle, damit sie über ihn beten und ihn mit Öl salben sollen (5,13-16). Das grosse Liedgut, das wir in den verschiedenen Briefen des Paulus und in der Offenbarung des Johannes finden, zeugt von einer lebendigen Kreativität, mit welcher die ersten Christinnen und Christen Hymnen und Gesänge gedichtet und komponiert haben, die ihren Ort in der Liturgie hatten.
All diese Feststellungen mögen verwirrend sein und erklären vielleicht auch unsere heutige Hilflosigkeit gegenüber dem Liturgischen. Aber hat dieses Verwirrende nicht mit unserem Glauben selbst zu tun, den wir in unseren Gottesdiensten feiern? Sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt (1. Korinther 11,26).
Ist es denn nicht in sich verwirrend, den Tod des Herrn zu feiern ...?
Hermann-Josef Venetz

jeudi 1 octobre 2015

BIBEL UND LITURGIE (1)


Ein Blick auf Jesus

Mit der Liturgie haben wir unsere liebe Not. Das überrascht mich nicht, wenn ich feststellen, dass es den ersten Christinnen und Christen nicht anders ergangen ist. Warum eigentlich? Ich denke, es liegt (wieder einmal) an Jesus. Im Lesen der Evangelien mache ich folgende drei Beobachtungen.

1. Als frommer Jude nahm Jesus an den liturgischen Feiern und Gottesdiensten seiner Zeit teil. Er ging gewohnheitsmässig in die Synagoge (Markus 3,1 u.ö.), suchte den Tempel auf  (12,35 u.ö.), feierte mit den Seinen das Passahmahl (14,12ff), sang und betete die liturgischen Lieder und Gebete (14,26) und kannte und vollzog die liturgischen Gesten: Er warf sich nieder (14,35), er erhob die Hände, er blickte zum Himmel, er sprach das Segensgebet (6,41; 7,34). Seine Gefolgschaft verstand ihn als Meister des Gebets: Er sollte die Seinen beten lehren (Lukas 11,1). All diese Szenen zeigen Jesus in der guten alten Tradition der Gottesdienste seiner Zeit.
2. Ein zweiter Blick auf Jesus von Nazaret sagt mir aber auch, dass er den Gottesdiensten und Liturgien seiner Zeit nicht unkritisch gegenüberstand. Es kam vor, dass er beim Gottesdienst am Sabbat die Akzente anders setzte, so wenn er den Mann mit der gelähmten Hand in die Mitte rief und ihn heilte (Markus 3,1-6) oder die Sorge um die Eltern als wichtiger ansah als die Opfergabe (7,6-13). Das sichtbare Sich-hin-Stellen zum Gebet in den Synagogen und an den Strassenecken entlarvte er als Schauspielerei (Matthäus 6,5). Vom Herr-Herr-Sagen, von Exorzismen und Wunderwirken hielt er nicht eben viel (7,21-23). Sein machtvolles Auftreten im Tempel und sein prophetisches Wort gegen das Gotteshaus haben viele Menschen damals vor den Kopf gestossen (Markus 11,15-19; 14,55-58). Auch hier stand Jesus in einer guten alten Tradition: in der Tradition der Propheten, die mit ihrer Kritik am Tempel und an den Gottesdiensten nicht sparten (vgl. z.B. Amos 5,21-27; Jeremia 7,1-11; Jesaia 58).
3. Und wenn ich noch einen weiteren Blick auf Jesus von Nazaret werfe, stelle ich eine gewisse ‚liturgische Kreativität’ fest: Er umarmt Kinder, legt ihnen die Hände auf und segnet sie (Markus 10,16) – Gesten, die liturgisch anmuten. Wie Liturgien hören sich auch die Berichte von den Blindenheilungen an (Markus 8,22-26; Lukas 18,35-43). Der Einzug Jesu in Jerusalem trägt die Züge einer Prozession (Markus 11,1-11). Das Letzte Mahl mit den Jüngern berichtet von Gesten und Deuteworten, die damals ungewohnt waren (Markus 14,22-25).

Das alles ist jetzt vielleicht etwas verwirrend, aber es passt doch eigentlich recht gut in das Bild, das uns die Evangelien von Jesus zeichnen: sein Eingebundensein in das Volk, zu dem er gesandt ist, das Prophetische, ohne das er gar nicht zu verstehen ist, das Eigenständige, das immer wieder überrascht. Ist es so verwunderlich, wenn auch die ersten christlichen Gemeinden und ihre Gottesdienste ähnliche Züge tragen?

Hermann-Josef Venetz


mardi 22 septembre 2015

DIE BIBEL – EIN BUCH FÜR ALLE SINNE (II)


Mit der Bibel die Welt entdecken



Wir können mit den Sinnen die Bibel entdecken. Auch das Umgekehrte ist richtig: Je besser wir die Bibel verstehen, desto besser werden wir auch acht geben auf unsere Sinne und mit ihnen Leben entdecken.

Schmecken
Dass man die Nähe Gottes mit einem Mahl, mit Essen und Trinken in Zusammenhang bringen kann (Matthäus 8,11; Lukas 14,15), veranlasst mich, von der Bibel oder mit der Bibel zurück zu unseren Mählern zu kommen. Sollten sie – auch im Familienkreis –  nicht so etwas wie Vorwegnahmen des endzeitlichen Mahles sein und von der Nähe Gottes künden?

Sehen
Wenn mir die Bibel bereits auf der ersten Seite deutlich macht, dass Gott gesehen habe, dass alles, was er gemacht habe, gut war (Genesis 1), dann werde ich mit anderen Augen dem Frühling begegnen. Und wenn ich in der Bibel lese, dass Gott das Elend seines Volkes in Ägypten gesehen hat und herabgestiegen ist (Exodus 3,7), dann werde auch ich, von der Bibel inspiriert, das Elend der Flüchtlinge sehen, aus mir heraus kommen und für die Verfolgten Partei ergreifen.

Hören
Wenn ich mit dem Psalmisten Gott inständig bitte, dass er doch sein Ohr zu mir wende, dass er aufmerke auf mein Flehen (86,1.6), dann werde ich mit diesem Gebet und mit der Bibel in der Hand in mein Leben zurück kommen und dankbar sein, wenn Menschen mir zuhören und dankbar sein, wenn es mir gelingt, selbst den Menschen zuzuhören – gerade den Sprachlosen und Hilfsbedürftigen.

Riechen
Wenn Gott die Opfer nicht riechen kann (Amos 5,21f), oder wenn das Gebet wie Weihrauch vor das Angesicht Gottes steigen soll (Psalm 141,2), oder wenn die Gemeinde Wohlgeruch Christi für Gott sein möge (2. Korintherbrief 2,15), dann werde ich, von der Bibel aufmerksam gemacht, auf meinen Geruchsinn besser acht geben und Menschen wieder riechen können, auch wenn sie verschwitzt sind, oder wenn der Raum, in dem eine Gebetsgruppe eine Stunde lang beisammen war, nicht nur nach Weihrauch duftet.

Tasten
Wenn Jesus das Gesicht der Blinden betastet (Mattäus 9,29) oder die Schwiegermutter des Petrus bei der Hand nimmt (Markus 1,31), oder wenn Jesus sich berühren lässt – von der blutflüssigen Frau (5,27), oder von jener, die in der Stadt als Sünderin gilt (Lukas 7,38), dann werde ich deswegen zwar noch nicht wahllos allen Menschen auf die Schultern klopfen, aber ich werde mit einer diskreten Geste Brücken schlagen können, die zueinander führen.

Zwei Thesen möchte ich abschliessend formulieren, die einander ergänzen oder bedingen:
Je besser ich mit meinen Sinnen umzugehen weiss, desto besser werde ich die Bibel verstehen können;
und je besser ich die Bibel verstehe, desto besser werde ich meine Sinne einsetzen und Leben entdecken können, mein Leben verändern, mein Leben auch einzusetzen wagen.

Hermann-Josef Venetz

jeudi 17 septembre 2015

DIE BIBEL – EIN BUCH FÜR ALLE SINNE (I)



Mit den Sinnen die Bibel entdecken



Die Bibel ist ein sinnliches Buch. Um sie zu verstehen, sind an erster Stelle nicht komplizierte wissenschaftliche Vorüberlegungen oder Kenntnisse in Hebräisch und Griechisch gefragt. Gefragt sind zuerst und vor allem ein verwöhnter Geschmackssinn, ein geübtes Ohr, ein zarter Tastsinn, offene Augen und ein feiner Geruchsinn.

Schmecken
Der Prophet Jesaja schildert das endzeitliche Gastmahl mit diesen Worten: Gott wird auf diesem Berg für alle Völker ein schmackhaftes Mahl bereiten, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den besten und feinsten Speisen… (25,6). Wie sollen wir uns das vorstellen, wenn wir einen samtenen Pinot noir oder eine gut gewürzte Tomate oder einen saftigen Spargel nicht zu schätzen wissen?

Sehen
Im Schöpfungsbericht heisst es das eine um das andere Mal: Gott sah, dass es gut war…(Genesis 1). Gott machte das Wild des Feldes nach seinen Arten, das Vieh nach seinen Arten und alles Gewürm auf dem Erdboden nach seinen Arten... Und Gott sah, dass es gut war (1,24-25). Da gilt es, die Augen offen halten. Wer noch nie mit wachen Augen einen Regenwurm angeschaut und daran seine Freude gehabt hat, wird nie eine Ahnung von Gott bekommen.

Hören
Im Psalm 86 spricht der Beter oder die Beterin: Neige, Gott, dein Ohr und höre mich... (86,1), und weiter: Vernimm mein Gebet, merk auf meine flehende Stimme (86,6). Das kann doch nur jemand verstehen, der selber die verschiedenen Nuancen der menschlichen Stimme, auch des menschlichen Klagens, wahrzunehmen vermag. Es gibt auch falsche Töne; auch die muss ich zu unterscheiden wissen. Der Prophet Amos lässt Gott sagen: Verschont mich mit dem Lärm eurer Lieder! Das Spiel eurer Harfen will ich nicht hören (5,23).

Riechen
Paulus sagt im 2. Korintherbrief: Wir sind Christi Wohlgeruch für Gott... (2,15) Wie soll jemand diesen Satz verstehen, wenn er noch nie den Duft von blühendem Flieder oder von nackter menschlicher Haut in sich aufgenommen hat? Gewiss begegnen uns in der Bibel nicht nur Wohlgerüche. Der eben erwähnte Prophet Amos sagt im Auftrag Gottes: Eure Opferfeiern und eure Volksversammlungen kann ich nicht riechen (5,21f).

Tasten
Es ist kaum zu glauben, wie oft in den Evangelien davon die Rede ist, dass Jesus Menschen berührte oder Leute Jesus berührten. In Markus 7 geht es um einen Taubstummen: Jesus nahm ihn aus der Menge heraus beiseite, legte ihm seine Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel... (7,33). Berührungsängste sind hier fehl am Platz.
Hermann-Josef Venetz

mardi 15 septembre 2015

»REFORMIERT EUCH!«




  Ayaan Hirsi Ali en 2006 (Koen van Weel/Reuters). 
 
So lautet der Titel eines Buches von Ayaan Hirsi Ali. Der Untertitel lautet: »Warum der Islam sich ändern muss.« Erschienen ist das Buch 2015 im Knaus-Verlag. Die Autorin, Politikwissenschaftlerin, nennt vor allem 5 Punkte, in denen sich der Islam ändern müsse:
1. Mohammed und der Koran dürfen nicht mehr als unfehlbar gelten.
2. Statt über das Leben nach dem Tod zu spekulieren, sollte das Leben vor dem Tod einen grösseren Stellenwert erhalten.
3. Die Scharia, die islamische Rechtsordnung, muss an die Menschenrechte gebunden werden.
4. Der Einzelne soll nicht mehr ermächtigt sein, islamisches Recht durchzusetzen.
5. Der Dschihad soll nicht länger als ‚heiliger Krieg’ geführt werden. Die Gewalt darf auch in religiösen Belangen nicht länger das letzte Wort haben.
Norbert Copray, der das Buch in der Zeitschrift Publik-Forum vom 24. Juli 2015 vorstellt, sagt dazu: »Da ist für viele Muslime ein dickes Brett zu bohren. Und ein Projekt für die kommenden 300 Jahre.«

Ich meine: In einem gewissen Sinne lassen sich die 5 Punkte mit nur wenigen Abstrichen auch auf das Christentum oder unsere Kirchen übertragen.
1. Die Bibel, auch die Evangelien und selbst Jesus, sollten nicht als ‚unfehlbare Grössen’ gelten. Ja, auch Jesus nicht. Wir entreissen ihm sein Menschsein, wenn wir ihm nicht erlauben sich zu irren. Irren ist menschlich. Für den christlichen Glauben ist es unaufgebbar, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. Ein unfehlbarer, irrtumsloser Mensch ist ein Monster. Ganz abgesehen davon, dass Worte Jesu – so es denn welche gibt – von irrenden Menschen niedergeschrieben und weitergegeben wurden.
2. Auch im Christentum ist man immer noch zu sehr darauf bedacht, sich den Himmel zu verdienen, anstatt hier und jetzt für eine friedlichere und gerechtere Welt einzutreten.
3. Die Scharia entspricht in etwa der kirchlichen Rechtsordnung. Unsere kirchliche Rechtsordnung stiesse auch beim gläubigen Volk auf weniger Widerstand, wenn sie stärker an die Menschenrechte gebunden wäre – ich denke hier an die Ungleichstellung von Männern und Frauen in der römisch-katholischen Kirche und an das Heiratsverbot für kirchliche Amtsträger.
4. In der römisch-katholischen Kirche liegt die unfehlbare Definitions- und Interpretationsmacht bei einem Einzelnen, dem Papst. Das, obwohl er sich in der Geschichte nachweislich x-mal geirrt hat – auch in sogenannten Glaubensfragen.
5. Unser Engagement für den Glauben und unser ‚Kampf’ gegen das Böse dürfen nicht dazu führen, dass Andersgläubige ihrer Würde beraubt und Sünder aus der Gemeinschaft ausgeschlossen  werden.
Da ist – so meine ich – auch für viele Christinnen und Christen » ein dickes Brett zu bohren«. Hoffen wir, dass das Projekt für die Verwirklichung nicht 300 Jahre benötigt.
Hermann-Josef Venetz

jeudi 10 septembre 2015

Die Heiligen





Es war einmal ein kleiner Bub. Der lebte in einer grossen deutschen Stadt. In dieser Stadt gab es einen wunderschönen Dom. Mit seinen Eltern hat der Kleine diesen Dom mehrmals besucht. Am meisten beeindruckten ihn die grossen Fenster mit ihren farbigen Gestalten. Als er die Eltern fragte, wer denn diese farbigen munteren und ernsten Gestalten seien, antworteten ihm die Eltern: »Das sind die Heiligen.«
Im Religionsunterricht, den dieser Bub auch eifrig besuchte, kam der Pfarrer kurz vor Allerheiligen auf das Fest zu sprechen und fragte die Kleinen: »Wisst ihr denn auch, wer die Heiligen sind?« Unser Bub überlegte nicht lange, streckte den Finger und antwortete: »Die Heiligen sind die, durch die die Sonne scheint.«
Eine wunderbare Antwort! Freilich bin ich mir nicht ganz sicher, ob sich der Bub auch wirklich bewusst war, wie tiefgründig seine Antwort war. Die Heiligen sind die, durch die die Sonne scheint, die das Licht Gottes brechen.
Wenn wir bei diesem Bild noch etwas verweilen, stellen wir fest: Es gibt überhaupt keine Alternative zu den Heiligen – ähnlich wie bei den Fenstern im Dom. Man könnte die Fenster mit dicker schwarzer Farbe zu überstreichen; aber dann würden wir überhaupt nichts mehr sehen. Man könnte die Fenster auch einfach herausnehmen oder gar einschlagen; aber dann würden wir so geblendet, dass wir bald auch nichts mehr sehen.
Um richtig zu sehen, brauchen wir die Heiligen, brauchen wir licht-durchlässige Menschen. Um eine Ahnung zu bekommen von Gott, brauchen wir verschiedene Heilige. Ich möchte sagen: möglichst viele. Kein einziger Heiliger und keine einzige Heilige vermag das ganze Spektrum des Lichts Gottes zu brechen. Es braucht einen Petrus und eine Maria von Magdala, einen Franz von Assisi und eine Katharina von Siena, eine Edith Stein und einen Martin Luther King, ja es braucht auch dich und es braucht vielleicht sogar mich, damit wir Gott wirklich in seinem vielfältigen Licht und in seiner ganzen Menschenfreundlichkeit erahnen können.
Vielleicht ist das etwas verwegen, wenn ich uns so in die Schar der Heiligen einreihe. Aber sind wir nicht alle Geheiligte – durch die Taufe, durch die Firmung? Sind wir nicht alle zur Heiligkeit berufen? Berufen, einander Licht zu sein – und wenn es auch nur eine kleine Glühbirne oder eine kleine Laterne ist?
Hermann-Josef Venetz

vendredi 4 septembre 2015

EIN BLICK AUF DIE ANFÄNGE DER KIRCHE (4)



Zur Freiheit verpflichtet
Es dürfte klar sein dass sich das Anliegen Jesu, wie es in der Jesusbewegung anfanghaft realisiert wurde, nicht 1 zu 1 auf die urchristlichen Gemeinden übertragen lässt. Wenn im Neuen Testament von Gemeinden wie Jerusalem oder Korinth oder Antiochien oder Ephesus oder Rom die Rede ist, sind das jeweils nur Momentaufnahmen. Jede Gemeinde musste ihren eigenen Weg entsprechend den dort ansässigen Gläubigen gehen, entsprechend der innergemeindlichen Gruppendynamik, entsprechend auch dem soziokulturellen und politischen Umfeld. Trotz der Verschiedenheiten lässt sich mit grosser Sicherheit folgendes sagen:
1. Die ideale christliche Kirche hat es nie gegeben. Darüber kann auch Lukas nicht hinwegtäuschen, wenn er in der Apostelgeschichte von der Gemeinde in Jerusalem sagt, die Menge der Gläubiggewordenen sei ein Herz und eine Seele gewesen (4,32). Lukas sah sich wohl deswegen veranlasst, in der Mitte der 80-er Jahre des ersten Jahrhunderts seinen Leserinnen und Lesern ein Idealbild der Anfänge vor Augen führen, weil die Zustände in den aktuellen Gemeinden eben alles andere als ideal waren. Dass in den Anfängen der Kirche in Jerusalem nicht alles zum besten stand, wissen wir übrigens von Lukas selbst, wenn wir seinen weiteren Ausführungen aufmerksam folgen.
2. Jesus hat seinen Jüngerinnen und Jüngern bezüglich der Organisation der Gemeinden keine konkreten Anweisungen  gegeben. Die Christen und Christinnen der ersten Generationen nahmen sich die Freiheit, Kirche so zu gestalten, wie es für die Erfordernisse ihrer Zeit wichtig und nötig war. Jede Generation hatte und hat selbst dafür zu sorgen, Kirche so zu gestalten, dass die Sache Jesu am besten zum Tragen kommt.
3. Verbindlich sind also nicht die Strukturen und die Titel und die Ämter und dergleichen; verbindlich ist die Freiheit, mit der wir für unsere Zeit nach Mitteln und Wegen suchen sollen, damit die Sache Jesu in unserer Welt Gestalt annehme.
4. Diesem Auftrag wird die Kirche nicht dadurch gerecht, dass sie überall auf der Welt ein einheitliches Kirchenmodell durchzusetzen versucht. Kirche, wenn sie wirklich Kirche für die Menschen und für die Welt von heute sein will, wird sich in den verschiedenen Kulturen je anders und je neu verleiblichen müssen, und sie wird keine Angst haben, dabei ihre Identität zu verlieren. Ihre Identität verlieren wird sie dann, wenn sie nur noch darauf aus ist, den Besitzstand zu wahren und zu bleiben, wie sie ist.
5. Die Freiheit, zu der uns der Geist befreit und zu der uns das Neue Testament verpflichtet, hat weder mit Willkür noch mit Beliebigkeit etwas zu tun; sie ist vielmehr jene kreative Freiheit, die sich nur im Glauben an den Messias Jesus und in der Auseinandersetzung mit der Welt heute und im Hoffen auf die endgültige Befreiung verwirklichen lässt.
Hermann-Josef Venetz


jeudi 3 septembre 2015

EIN BLICK AUF DIE ANFÄNGE DER KIRCHE (3)



Beispiel: die Gemeinde in Korinth
Die griechische Metropole Korinth wurde um 146 v. Chr. von den Römern zerstört. Ungefähr 100 Jahre später wurde die Stadt wieder aufgebaut. Von überall her wurden Leute angesiedelt: ausgediente Soldaten, Handwerker, Asylantinnen, die in den Industriebetrieben, in der Fischerei, in Handels- und Verkehrsunternehmen Arbeit fanden. Bald war Korinth wieder eine moderne Grossstadt mit allem Drum und Dran.
Erste Gehversuche. Anfang der 50-er Jahre sucht Paulus die dortige Synagoge auf (Apostelgeschichte 18). Mit seiner Predigt vom gekreuzigten und auferweckten Messias Jesus stiess er auf Widerstand. Die Verantwortlichen verboten ihm den Zutritt zur Synagoge. Es gab aber auch Leute, die mehr von ihm hören wollten. Ein begüterter Mann, ein gewisser Justus, stellte ihm für die Versammlungen der Christusgläubigen den Innenhof seiner Villa zur Verfügung. Der Gemeinde schlossen sich bald auch Nicht-Juden an, einfache Leute auch, Hafenarbeiter und Sklavinnen. Sie entwickelten einen riesigen Eifer und feierten ihre neu gewonnene Freiheit. Paulus konnte es sich leisten, weiter zu ziehen und die Gemeinde sich selbst zu überlassen.
Bereits zwei, drei Jahre später traten beträchtliche Spannungen auf, so dass die Gemeinde drohte auseinanderzubersten. Die Briefe, die Paulus an die Gemeinde schreibt, enthalten kaum ein Kapitel, das nicht diesen oder jenen Konflikt zum Thema hätte.
Kein Dirigismus. Was soll Paulus mit diesem zerstrittenen Haufen in Korinth tun? Soll er der Gemeinde eine klare Verfassung aufnötigen? Soll er in dieser Gemeinde oder gar über diese Gemeinde eine klare Führung einsetzen, der alle zu gehorchen haben?
Er tut weder das eine noch das andere. Er verneigt sich vor der Gemeinde. Bereits aus den ersten Versen des Briefes geht das hervor (1,1-3). Sie ist Gemeinde Gottes, nicht die Gemeinde des Paulus. Die einzelnen Gläubigen bekennt er als von Gott Geheiligte und von Gott Berufene. Was die Leute dort tun, tun sie, weil der Geist Gottes sie treibt. Auch wenn dem Apostel lange nicht alles gefällt, was da in Korinth geschieht, er sieht in der Gemeinde den Ort, an dem Jesus, der Messias, leibhaftig wird. Wie kommt Paulus dazu, von der Gemeinde als vom Leib Christi oder vom leibhaften Christus zu sprechen? Halten wir vor allem fest, dass Paulus weiss, wovon er spricht, wenn er den Christus ins Spiel bringt. Paulus hat den gekreuzigten und auferstandenen Christus persönlich gesehen (1. Korintherbrief 9,1); der Auferweckte ist ihm erschienen (15,8); Gott hat ihm seinen Sohn offenbart (Galaterbrief 1,15-16).
Die Gemeinde als leibhafter Christus. Paulus weiss auch, wovon er spricht, wenn er die Gemeinde zum Thema macht. Die Erfahrungen, die er in Korinth machte, waren sehr persönlich und konkret; anderthalb Jahre lebte in hautnahem Kontakt mit den Leuten dort. Er wusste recht gut, wie es in einer Gemeinde, die aus Menschen besteht, zu- und hergeht. Er wusste auch, was es in der Gemeinde braucht: Predigerinnen und Lehrer, Prophetinnen und Sozialhelfer, Leitungstalente und stille Beter… (1. Korintherbrief 12).
Das ist zwar alles recht kompliziert und unübersichtlich und konfliktträchtig; dafür ist es echt und greifbar. Das ist es, was Paulus erfahren hat: dass die Sache Jesu, das Anliegen Jesu in der Gemeinde leibhaft und greifbar ist. Wo sollte denn Paulus dem lebendigen Messias Jesus anderswo begegnen wenn nicht in der Gemeinde?
Hermann-Josef Venetz

lundi 17 août 2015

EIN BLICK AUF DIE ANFÄNGE DER KIRCHE (2)

Armenian miniature

Die Gemeinde des Messias Jesus
Die Jesusforschung der letzten Jahrzehnte hat das Jesusbild entscheidend korrigiert. Er wurde nicht mehr dem damaligen Judentum gegenübergestellt. Er war ein Jude vom ersten bis zum letzten Atemzug und hatte nie im Sinn, sich vom Judentum abzusetzen oder gar eine neue Religion zu gründen. Zum andern ist aber Jesus auch stärker in seine unmittelbare Mitwelt einbezogen worden. Die Jüngerinnen und Jünger waren nicht einfach sein Fan-Club.
Beauftragt mit der Königsherrschaft Gottes. Man darf annehmen, dass die Leute damals gewisse messianische Erwartungen an Jesus herangetragen haben. Ist er ein Prophet? Ist er der Messias? Beim unbefangenen Lesen der Evangelien hat man den Eindruck, dass diese Fragen und Erwartungen Jesus eher unangenehm waren. In der Mitte seiner Verkündigung stand nicht er, sondern das Reich Gottes. Die messianischen Erwartungen, die in der Luft lagen, übertrug er auf jene Bewegung, die er zur Verkündigung und zur Praxis der Königsherrschaft Gottes ins Leben rief. Auf die Frage nach dem Wie und Wann der Herrschaft Gottes antwortet er mit dem Hinweis auf seine Jüngerinnen und Jünger, auf jene kleine Herde, der der Vater die Königsherrschaft übergeben hat (Lukas 12,32) oder denen das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben ist (Markus 4,11).
Solidarisch mit den Ausgegrenzten. Die Frauen und Männer um Jesus zeichneten sich dadurch aus, dass sie sich mit den Randständigen solidarisierten und so selbst zu Randständigen wurden. Sie verloren ihre gesellschaftliche Stellung und wurden bald schon zu den Missachteten, zu den Unreinen und Sündern gezählt, wie denn die Gegner auch Jesus als Fresser und Weinsäufer, als Freund von Zöllnern und Sündern wahrnahmen (Lukas 7,34).
Der Kreis, der Jesus folgte, war eine Gemeinschaft von Gleichgestellten. Im Unterschied zu anderen Gruppierungen gab es hier keine Über- und Unterordnung, kein Oben und Unten, kein Zentrum und keine Peripherie (vgl. Markus 10,42-45 u.ö.). Und vor allem: Die Frauen galten nicht weniger als die Männer. Der nur aus Männern bestehende Zwölferkreis sollte das Zwölfstämmevolk symbolisieren. Als Symbol war das nur verständlich, wenn der Kreis auf Männer begrenzt war – unter den Stammvätern gab es ja keine Frauen. Dabei waren nicht die Männer wichtig, wichtig war die Erinnerung an jene grosse Vergangenheit, in der das ganze Volk, Männer und Frauen als Königreich von Priestern  und als heiliges Volk galt (Exodus 19,4-6).
Die vorrangige Option für die Armen und Leidenden. Von entscheidender Bedeutung sind auch jene Akzentsetzungen, auf die in den letzten Jahrzehnten die verschiedenen Befreiungstheologien und nicht zuletzt Papst Franziskus aufmerksam gemacht haben. Jesu vorrangige Option für die Armen hat Jesus nicht nur gelebt, er hat auch diejenigen, die ihm folgten, darauf verpflichtet.
Auch wenn die heutige Kirche in einem ganz anderen Umfeld lebt, wird sie von diesen Besonderheiten der damaligen Jesusbewegung nie absehen können.
Hermann-Josef Venetz



samedi 15 août 2015

Maximino Cerezo Barredo



EIN BLICK AUF DIE ANFÄNGE DER KIRCHE (1)

Es begann mit Jesus von Nazaret
Mit Jesus hat tatsächlich das angefangen, was wir heute Kirche nennen. Das heisst nicht, dass er eine Kirche gegründet hätte. Er verkündete und lebte das Reich Gottes. Er rief eine Bewegung ins Leben, eine Gruppe von Frauen und Männern, die wie er allen geordneten Verhältnissen den Abschied gaben, ihm nachfolgten und sich dabei auf nichts anderes stützten als auf den Vater im Himmel.
Aussteiger und Ortsansässige. Woher diese bunte Gruppe den Mut und die Kraft nahm zu einer so radikalen Existenzweise? Sie waren angetan von diesem Jesus von Nazaret. In seiner Gemeinschaft erfuhren sie das Kommen Gottes. Was sie besonders überzeugte: Jesus teilte mit ihnen sein Charisma und seinen Auftrag. Wie er sollten sie das Kommen Gottes aufdecken, und zwar konkret: Sie heilten Kranke und befreiten Besessene und nahmen sich der Vernachlässigten an (vgl. Lukas 9,1-6; 10,1-12).
Wenn diese Jüngerinnen und Jünger nach dem Vorbild ihres Meisters auch nichts hatten, worauf sie ihre Häupter legen konnten (Matthäus 8,20), so fanden sie doch immer wieder Aufnahme bei Leuten, die ihnen wohlgesinnt waren: bei der Schwiegermutter des Simon (Markus 1,29), bei Maria und Marta (Lukas 10,38-42), bei Simon, dem Aussätzigen (Markus 14,3ff). Solch sympathisierende Familien und Gruppen dürften der Kern späterer Ortsgemeinden gewesen sein.
Verschiedene Formen der Nachfolge. Notwendigerweise musste hier Nachfolge eine ganz andere Gestalt annehmen. Eine andere, aber nicht eine mindere oder unverbindlichere. Leute, die in der Familie, im Dorf, in Vereinen, in der Synagoge Verantwortung tragen und dabei das Anliegen Jesu zur Geltung bringen wollten, bekamen die Spannung zu dieser Welt womöglich noch stärker zu spüren als jene, die es sich leisten konnten auszusteigen.
Dass so verschiedene Formen der Nachfolge nebeneinander existieren konnten, kam daher, dass sich alle auf den gleichen Jesus von Nazaret beriefen, auf den gekreuzigten und auferweckten Messias. Von ihm wussten sie sich berufen, und seine Sache wollten sie zur ihren machen. Dass es dabei von Anfang an zu Spannungen und Konflikten kam, wissen wir aus den Evangelien (vgl. u.a. Markus 9,33-34; 10,41). Sicher ist, dass die Jesusbewegung – die wandernden Predigergruppen wie die Ortsansässigen – in Jesus Christus ihr Vorbild hatte, ihr Modell und ihre Verheissung. Glauben und Praxis bildeten ein unauflösliches Ganzes.
In Jesu Geist. Was wir aus all dem für unser Kirchesein folgern können? Die Organisation der Jesusbewegung lässt sich nicht einfach so auf unsere Zeit übertragen. Hätte Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern ein bezugsbereites Haus hinterlassen, in dem alles und jedes schön geordnet gewesen wäre, hätte die junge – und auch die älterwerdende – Kirche nicht so manche Zerreissprobe bestehen müssen und hätte es im Laufe der Zeit nicht so manche Panne gegeben. Jesus hat uns nicht eine festgefügte Kirchenordnung hinterlassen, sondern seinen Geist, der uns zu weit mehr befähigt als zur Einhaltung noch so vieler und gut gemeinter Gemeinderegeln.
Hermann-Josef Venetz

lundi 27 juillet 2015

Die Sache mit dem Neuen Bund
Maximino Cerezo Barredo

Im alten Israel betrachteten Theologen und Propheten das Verhältnis zwischen Gott und dem Volk als Bund. Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein – so lautet das Kernstück dieses Bundes (vgl. u.a. Exodus 6,7). Für Israel bedeutete das, dass es sich zur Treue gegenüber Gott verpflichtet, d.h. dass es sich einsetzt für Recht und Gerechtigkeit, Witwen und Waisen nicht einfach sich selbst überlässt, Fremden und Flüchtlingen Raum gibt, die Gewinnmaximierung nicht zum einzigen Kriterium der Wirtschaft erklärt oder auch – ganz einfach – sich an die Zehn Gebote hält.
Hier setzt denn auch die Zurechtweisung der Propheten ein, wenn das Volk sein Elend beklagt, wie z. B. im Babylonischen Exil. „Nicht weil Gott euch vergessen hat, wurdet ihr deportiert, nicht weil Gott vertragsbrüchig ist, liegen Jerusalem und der Tempel in Schutt und Asche, sondern weil ihr euch nicht an die Abmachungen des Bundes haltet“ – so ungefähr reagierten die Propheten.
Der Prophet Jeremia fragte sich, wie denn ein Gottesbund aussehen müsste, damit er vom Volk nicht mehr gebrochen wird. Und er kam dabei auf eine bemerkenswerte Idee (31,31-34):
Seht, es werden Tage kommen – so spricht der Ewige –, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde, nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe und den sie gebrochen haben… So wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe: Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Keiner wird mehr den andern belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt Gott!, sondern sie alle, klein und groß, werden mich erkennen… Denn ich verzeihe ihnen die Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr.
Etwas wirklich Neues. Nicht mehr ein Gesetz, das von aussen kommt,  soll der Bezugspunkt dieser Beziehung sein. Gott will das Gesetz in die Menschen hineinlegen, ja ihnen in ihr Herz schreiben, so dass sein Anliegen ganz und gar und bis ins Innerste hinein ihr Anliegen werde, eine Du-zu-Du-Beziehung, die keine Mittler, kein Lehramt, keine Prediger mehr braucht. Alle, klein und gross werden ihn erkennen, d.h. ihm mit ganzem Herzen zugetan sein.
Völlig neue Perspektiven! Aber – für wen? und für wann?
Gott hat seinen Bund mit Israel nie aufgekündigt oder ein anderes Volk zu seinem Volk gemacht. Nach unserem Text sagt Gott zweimal ausdrücklich, er werde mit dem Haus Israel und dem Haus Juda den neuen Bund schliessen. Paulus konnte es deutlicher nicht sagen: Gott hat sein Volk nicht verstossen, das er einst erwählt hat (Römerbrief 11,2). Israel ist und bleibt das Volk Gottes. Und es wäre völlig verfehlt zu sagen, die christliche Kirche sei an die Stelle Israels getreten. Kann denn die christliche Kirche von sich behaupten, an ihr sei die Verheissung des Neuen Bundes in Erfüllung gegangen? Tragen wir Christinnen und Christen die Weisungen Gottes wirklich in unseren Herzen? Ist sein Anliegen ganz und gar unser Anliegen?
Der Traum Gottes ist bisher weder an Israel noch an den christlichen Kirchen voll in Erfüllung gegangen. Aber weil es der Traum Gottes, die Verheissung Gottes ist, können wir sicher sein, dass der Traum sich verwirklicht, dass die Verheissung sich erfüllt, und zwar jetzt schon – wenn auch nur umrisshaft – an Israel, seinem erstgeborenen Sohn (Exodus 4,22), dann an denen, die sich zum Messias Jesus bekennen und sein Kommen ersehnen, und schliesslich an der ganzen Welt. Denn sowohl Israel wie auch die Kirchen haben – solange sie bestehen – den einen, gemeinsamen Auftrag: die Grosstaten und die Treue Gottes zu verkünden bis ans Ende der Welt (vgl. 1. Petrusbrief 2,9).
Hermann-Josef Venetz
Mit den Augen Gottes


Papst Franziskus soll einmal gesagt haben: »Sag mir: Wenn Gott eine homosexuelle Person sieht, schaut er diese Existenz mit Liebe an oder verurteilt er sie und weist sie zurück? Man muss immer die Person anschauen. Wir treten hier in das Geheimnis der Person ein.«
Sehen mit den Augen Gotteseine sehr hilfreiche Idee. Gott sieht bei einem Menschen nicht zuerst dessen sexuelle Identität, und er sieht bei einem lesbischen Paar auch nicht an erster Stelle dessen sexuelle Ausdrucksweisen. Das ist vielleicht unsere menschlich-allzu menschliche Art zu ‚sehen’. Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass Gott, wenn er einen Homosexuellen sieht, sagen würde: »Oh, pardon, da ist bei der Schöpfung etwas schief gelaufen; das muss irgendwie in Ordnung gebracht werden.«
Ich möchte Gottes Sichtweise nicht festlegen, aber von meinem Glauben her kann ich mir gut vorstellen, dass Gott, wenn er einem homosexuellen Paar begegnet, sagen könnte: »Wie gut, dass es euch gibt! Schade nur, dass das viele sogenannt normale Menschen nicht verstehen können.«
Nicht das Bild, das wir uns von Schwulen und Lesben, Bisexuellen und Transsexuellen machen, ist entscheidend, sondern die Menschen selbst. Mit welchem Recht reduzieren wir sie auf ihre sexuelle Ausrichtung und Fortpflanzungsfunktion? Auch die homosexuelle Person lebt in einem ganz bestimmten Umfeld, hat ihre Sorgen und Vorlieben, ihr Lebensschicksal und ihre Ängste, ihre Freuden und Leiden – nicht zuletzt die Leiden, die ihr die so genannt ‚Normalen’ dadurch zufügen, dass sie sie ausgrenzen. Es gilt immer, auf die Person als ganze zu schauen und sie als ganze anzunehmen.
Du sollst dir kein Bild machen so heisst die grundlegende Weisung im Dekalog. Das gilt nicht nur für Gott, von dem wir uns kein Bild machen sollen, das gilt auch für die Menschen. Für alle Menschen.
Hermann-Josef Venetz