mercredi 17 décembre 2014




Sonst gar nichts

Hugo Lötscher, ein bedeutender Schweizer Schriftsteller (1929-2009), wurde am Schluss seines letzten Interviews vom Journalisten gefragt:
 »Wie zuversichtlich sind Sie für die Zukunft?«
 Er antwortete:
»Ich habe meine Religion verloren, ich habe keinen Himmel, ich habe kein Nachher. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als diese Welt gern zu haben. Sonst habe ich gar nichts mehr.«

Viele mögen ob einer solchen Antwort überrascht, wenn nicht sogar enttäuscht sein. Hugo Lötscher hat nicht nur ein reiches schriftstellerisches Schaffen hinterlassen, wurde mit zahlreichen Preisen geehrt und hatte an bedeutenden Universitäten Europas, der USA, Lateinamerikas und Chinas gelehrt – man würde von ihm doch Gewichtigeres,  Bedeutenderes und Eindrücklicheres erwarten.

Dieser Meinung bin ich nicht. Wenn man bedenkt, was man unter ‚Religion’ alles verstehen kann, wie banal sich Menschen den ‚Himmel’ vorstellen und wie schrecklich das ‚Nachher’ aussehen kann… Es gibt nur etwas, das sowohl die Religion wie auch den Himmel und das Nachher bei weitem überragt: diese Welt gern zu haben. Damit können wir die Welt und uns selbst glücklicher machen.
Und der letzte Satz – sonst habe ich gar nichts mehrhat dann nicht mehr einen traurigen, sondern einen höchst befreienden Klang.

Hermann-Josef Venetz


mardi 16 décembre 2014

Warum?

 Lanzo Del Vasto
An die 20 mal steht im alttestamentlichen Psalterium, dem Gebetsbuch der Kirche, der fragende Ruf oder Aufschrei zu Gott: Warum..? Hier einige Beispiele:
Warum bleibst du so fern, verbirgst dich in Zeiten der Not? (Ps 10,1)
Warum hast du mich vergessen? (42,10)
Warum hast du mich verstossen? (43,2)
Warum verbirgst du dein Gesicht, vergisst unsere Not und Bedrängnis? (44,25)
Warum fragen wir, wenn etwas geschieht oder jemand etwas tut, das wir nicht erwarten, das wir nicht verstehen und uns ratlos und enttäuscht zurücklässt.
So ist es auch, wenn wir diese Frage betend oder klagend oder schreiend an Gott richten. Dieses Warum macht auch deutlich, dass Gott der ganz Andere ist, der Unfassbare.
Das Psalterium war auch das Gebetbuch Jesu. Ich bin überzeugt: Er hat dieses quälende Warum nicht einfach zur Seite geschoben oder beim Beten übersprungen; er hat sich in dieses Warum selbst hineingegeben. Die Evangelisten Markus und Matthäus scheuten sich nicht, Jesus am Kreuz den Anfang des 22. Psalm rufen zu lassen:
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Markus 15,34; Matthäus 27,46)
Gehört dieses Warum nicht zu unserem Menschsein? Zu unserer Beziehung zu Gott? Und gehört dieses Warum nicht auch zu den Beziehungen der Menschen untereinander?
Wenn alle Ereignisse, jedes Geschehen, jeder Mensch, jede Beziehung  klar und durchsichtig auf der Hand lägen, gäbe es keine Geheimnisse, keine Überraschungen und so auch kein Warum mehr. Die Welt und das Leben wären langweilig. Leben, das langweilig und ohne Überraschungen und ohne Geheimnisse ist, verdient den Namen Leben nicht. Unser Warum muss nicht Ausdruck unserer enttäuschten Erwartungen sein; es kann Ausdruck dafür werden, dass wir aufmerksam, achtsam und offen sein wollen für das, was das Leben mit uns vorhat. Das Warum als Ausdruck einer lebendigen Beziehung.
Hermann-Josef Venetz

lundi 8 décembre 2014

Der Name

 Wir haben oft Mühe, bei Gott zu sein; wir haben keine Zeit, sind zerstreut, immer wieder abgelenkt.
 Bei Gott ist das ganz anders: Es gehört zu seinem Wesen, ganz da und ganz bei uns zu sein. Das war und ist sein Name, mit dem er sich dem Mose am brennenden Dornbusch vorstellt:
Ich bin der Ich-bin-da, ich bin bei dir, ich gehe mit dir.
 Das war und ist nicht eine kleine Episode, eine flüchtige Begegnung, die vor urdenklichen Zeiten stattfand.
Gott fährt in seiner Rede an Mose wie folgt weiter:
So sollst du zu den Israeliten sprechen: Der Ich-bin-da, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Dies ist mein Name für alle künftige Zeit und so sollt ihr mich nennen von Geschlecht zu Geschlecht (Exodus 3,14-15).
 Zwei  Dinge sind für mich bemerkenswert und für meinen Glauben tragend:
Wenn der Ewige sich dem Mose vorstellt, gibt er sich den Namen von konkreten Menschen – er hat offensichtlich keine anderen zur Verfügung: Er ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, und man könnte fortfahren: der Gott der Sara und der Rebekka und der Hagar, der Gott des Mose und der Mirjam, und weiter: der Gott Samuels und Davids und Jesajas, der Gott Jesu und der Maria und des Petrus und des Johannes, der Gott des Martin Luther King, der Mutter Theresa und des Oscaro Romero... Ja, ohne all diese Menschen kann man sich Gott gar nicht vorstellen und mit Namen nennen.
Und es ist nicht ein Gott auf Distanz, sondern ein Gott, der mit und bei den Menschen ist und mit ihnen geht, auch mit dir und mit mir... Das ist sein Wesen und sein Name.

Hermann-Josef Venetz


vendredi 21 novembre 2014

Nur eine Revolution der Herzen?

Das Besondere der christlichen Ethik sei die ‚Revolution der Herzen’, so las ich neulich in einem Artikel.


Gewiss hatte und hat das Christentum einen bedeutenden ethischen Anspruch sowohl für die damalige wie auch für die heutige Zeit. Nicht vergessen sollten wir, dass die christliche Ethik ohne das Alte Testament und das Judentum nicht denkbar ist. Man kann sogar sagen: viel ‚Neues’ hat die christliche Ethik im Vergleich zum Judentum nicht gebracht. Liebeskommunismus, Sorge für Witwen und Waisen, Armenfürsorge, Schuldenerlass, Feindesliebe usw. sind Visionen, die das Christentum im Wesentlichen dem Judentum verdankt. Und weder im Judentum noch im Christentum hatten diese Visionen eine ‚Revolution der Herzen’ im Sinn. Das Judentum schon gar nicht; da machte man Nägel mit Köpfen: Gesetze zur Tierhaltung, zur Ent-Schuldung, zum Asylwesen, zur Armenfürsorge und vieles mehr sollten nicht nur die Herzen, sondern die Gesellschaft als solche verändern.

Christen und Christinnen sind in der damaligen (und heutigen) Welt nicht dadurch aufgefallen oder angeeckt, dass sie im Unterschied  zur Umwelt eine ‚höhere Ethik’ verkündet haben. Anstossend war (und ist) das Bekenntnis zum gekreuzigten Jesus als dem Messias und Gottessohn. Das viel zitierte Wort Was ihr dem geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan (Matthäus 25,40) provoziert nicht als ethische Forderung. Skandalös ist bei diesem Wort die Tatsache, dass sich der Menschensohn und König und Richter mit den Geringsten identifiziert, d.h. mit den Hungernden und Gefangenen, mit den Kranken und Fremden – und wir könnten weiterfahren: mit den Asylanten und Flüchtlingen, mit den Arbeitslosen und Ausgegrenzten. Das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias und Gottessohn ereignet sich nicht ‚im stillen Kämmerlein’, sondern ist ein eminent politisches Geschehen. Darum waren und sind es auch hauptsächlich die politischen und religiösen Machthaber, die diesen Jesus und seine Gefolgsleute weghaben wollten. Das Bekenntnis zu Jesus und seiner Praxis passt in keines der bestehenden politischen Systeme und auch in keines der politischen Parteiprogramme.

Hermann-Josef Venetz

dimanche 7 septembre 2014

11.09.2014

Man erinnert sich: Es war der Tag der schrecklichen Terroranschläge auf die Türme des World Trade Centers in New York City und auf das Pentagon in Arlington. Die Anschläge töteten mindestens 2989 Menschen. Nicht nur die USA, die ganze Welt stand unter Schock. Noch heute sprechen die Medienfachleute von einem ‚Ereignis, das die Welt verändert’, von einem ‚Datum, das sich der Menschheit eingeprägt hat’.
Man erinnert sich kaum mehr: Zeitgleich mit den Bildern und Kommentaren über die entsetzlichen Terroranschläge erreichte uns der UNO-Bericht über den Hunger in der Welt. Fast eine Milliarde Menschen (826 Millionen) leiden an Unterernährung. Viele Tausende sterben jährlich an Hunger und Armut und mangelnder medizinischer Versorgung. Freilich, gegenüber dem, was an Schrecklichem in New York und Washington passierte, ist das nicht erwähnenswert. Es ist auch nichts Besonderes. Es ist das Normale. Das Gewöhnliche. Das Alltägliche. Menschen, die Hungers sterben – mögen es täglich weltweit Tausende sein – werden auf den Titelseiten unserer Zeitungen nie einen hervorragenden Platz finden. Für sie läuten auch keine Kirchenlocken. Für sie wird auch nie eine Gedenkminute eingelegt. Um sie trauert niemand – wenigstens nicht in unseren Breitengraden.
Wir beklagen zu Recht und mit bewegten Worten die Opfer des Terrors, der ganz neue Dimensionen angenommen hat. Von den viel zahlreicheren Opfern der Ungerechtigkeit und der Umweltzerstörung spricht kaum jemand.
Über Terror und Krieg lässt sich trefflich diskutieren. Sachverständige gibt es viele. Und die Rollen sind klar verteilt: es gibt die Guten und die Bösen. Bei den Themen ‚Ungerechtigkeit’ und ‚Hunger’ in der Welt ist das so eine Sache. Reden wir lieber nicht davon.
Hermann-Josef Venetz

samedi 30 août 2014

Kein Pardon?

Der Artikel, in dem ein christlicher Politiker für ein NEIN zur Ausschaffungsinitiative warb, trägt den Titel »Kein Pardon für kriminelle Ausländer«. Damit wollte er den Befürwortern der Initiative den Wind aus den Segeln nehmen: Als Gegner der Initiative könnte er ihr durchaus beipflichten, wenn es nur darum ginge, »kriminelle Ausländer« auszuschaffen; diese verdienten nämlich in der Tat »kein Pardon«.

Ungefähr zur gleichen Zeit entbrannte in manchen Gegenden eine ziemlich heftige Diskussion zu einem scheinbar ganz anderen Thema: Haben in einem liberalen Staat Kreuze oder Kruzifixe auf öffentlichen Plätzen und in öffentlichen Gebäuden und Schulen überhaupt ihre Berechtigung? Sollten diese betont christlichen Zeichen nicht im Namen der Religionsfreiheit beseitigt werden? Für die Beibehaltung dieser Kreuze setzten sich hauptsächlich christliche Politiker engagiert ein, nicht zuletzt jene, für die es »Kein Pardon für kriminelle Ausländer« gibt. Ich finde dieses Engagement recht seltsam, wenn nicht gar paradox an. Müsste denn wer »Kreuz« sagt, nicht auch »Pardon« sagen?

Oder auch so: Wo es kein Pardon gibt – auch für kriminelle  Ausländer! – da hat das Kreuz seine Berechtigung und seinen Sinn tatsächlich  verloren.

Hermann-Josef Venetz



mercredi 20 août 2014


Abraham

Die Sache mit Abraham begann so:
Und der Ewige sprach zu Abram: Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde! Und ich will dich zu einer großen Nation machen, und ich will dich segnen, und ich will deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein! ... und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde!
Und Abram ging hin, wie der Ewige zu ihm geredet hatte…(Genesis 12,1-3)
Abram oder Abraham steht also nicht für sich allein; er hat einen Auftrag und eine Verheissung für alle Völker, für alle Geschlechter der Erde. Abraham ist auch nicht nur eine Gestalt des Alten oder Ersten Testaments. Im Neuen Testament kommt der Name Abraham  nicht weniger als 72 (!) mal vor. (Das ist mehr als doppelt so oft wie der Name der Maria, der Mutter Jesu).
Als Gott in das Leben des Mose trat, stellte er sich so vor: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs... Man beachte: Gott trägt den Namen von Menschen. Auf seiner Visitenkarte stehen Namen wie Abraham, Isaak und Jakob – und man könnte weiterfahren Sara, Rebekka, Hagar und und und.
Bereits im ersten Vers des Neuen Testaments (Matthäus 1,1) ist die Rede von Jesus Christus,... dem Sohn Abrahams.
Die zusammengekrümmte Frau, die in der Synagoge geheilt wird, ist für Jesus eine Tochter Abrahams (Lukas 13,10-17); der von allen gemiedene Oberzöllner Zachäus ist für Jesus ein Sohn Abrahams (Lukas 19,1-10). Die auf den Messias Jesus Getauften in Galatien gehören dem Messias Jesus an und sind Söhne und Töchter Gottes und als solche auch Nachkommen Abrahams und Erben der Verheissung. (Galater 3,26-29)
Wir könnten noch lange weiterfahren. Ich bin zur Überzeugung gelangt: Wer von Gott spricht, spricht von Abraham, Isaak und Jakob, von Sara, Lea, Rebekka und Hagar, von Mose und Mirjam, von Simeon und Hanna, von der zusammengestauchten Frau und vom Oberzöllner Zachäus, von Paulus und Klara, von dir und von mir.
Hermann-Josef Venetz

dimanche 17 août 2014

Verflucht, wer das Recht der Fremden beugt!’

Diesen erschreckenden Ausspruch fand ich im Buch Deuteronomium (27,19; 24,17), in der Heiligen Schrift also, einer der Grundlagen nicht nur unseres Glaubens, sondern auch unserer Kultur.
Ich las dann noch etwas weiter und war einmal mehr erstaunt, wie oft in der Bibel von den Fremden und Flüchtlingen die Rede ist. Hier nur das eine oder andere Beispiel:
• ‚Du sollst einen fremden Untertan, der vor seinem Herrn bei dir Schutz sucht, nicht seinem Herrn ausliefern. Bei dir soll er wohnen dürfen, in deiner Mitte, in einem Ort, wo es ihm gefällt. Du sollst ihn nicht ausbeuten.’ (Deuteronomium 23,16-17)
• ‚Euer Gott liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung – so sollt auch ihr den Fremden Gutes tun, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.’ (Deuteronomium 10,18-19)
• ‚Liefere die Flüchtlinge nicht aus, wenn sie in Not sind!’ (Obadja 1,14)
Am rührendsten finde ich das Gebet, das König Salomo anlässlich der Tempelweihe gesprochen hat:
Auch Fremde, die nicht zu deinem Volk gehören, werden kommen, um hier zu beten. Höre sie und tu alles, weswegen die Fremden zu dir rufen.’ (1 Könige 8,41-43)
Wie schwer tun wir uns mit Anschauungen, die doch seit mehr als zweitausend Jahren zu unserem Kulturgut gehören.

Hermann-Josef Venetz


samedi 31 mai 2014

Worauf es ankommt




Ab und zu muss ich mir die Frage stellen: Worum geht es eigentlich in meinem Leben? Wofür bin ich überhaupt da? Was ist für mich das Wichtigste, das Entscheidende? Worauf kommt es an?

Dieser Frage muss sich auch jede Gruppierung stellen, jeder Verein, jede Partei, jede Kirche, auch die UNO und die EU. Und diese Frage stellt sich immer wieder. Dazu eignen sich – je nach dem – besondere Anlässe wie Einkehrtage, Exerzitien, Gedenktage, Klausurtagungen, Wahlen, Geburtstage. Denn sowohl für einzelne wie für Partnerschaften oder Gruppierungen jeglicher Art gelten die Gesetze der Routine, der Gewöhnung und der Abnutzung. Was einmal als wesentlich angesehen wurde, verliert im Laufe der Zeit seinen Glanz, zersplittert in Einzelheiten und Nebensächlichkeiten, verblasst im Formelhaften und im Kreisen um sich selbst.

Es war und ist vor allem die Aufgabe der Propheten und Prophetinnen, auf das Ursprüngliche, das Wesentliche, das Eigentliche aufmerksam zu machen.
Hier das eine oder andere Beispiel aus den ältesten Schriftpropheten des Alten Testaments.

Der Prophet Amos – er lebte um 750 vor Christus – verkündete dem Volk, das meinte mit Opfern und Feiern dem Auftrag des Ewigen Genüge zu tun:
Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen… Ich habe kein Gefallen an euren Gaben, und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.( 5,21-24)
Das ist es, worauf es ankommt.

Michaer wirkte um 720 vor Christus – nimmt zuerst die Fragen der Gottsucher auf:
Womit soll ich vor den Ewigen treten, wie mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? Hat der Ewige Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend Bächen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für meine Vergehen, die Frucht meines Leibes für meine Sünde?

Und der Prophet antwortet gleich selbst:
Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben und besonnen den Weg gehen mit deinem Gott. (6,6-8)
Das ist es, worauf es ankommt
 
Hoseaein Zeitgenosse des Micha – bringt es auf den Punkt mit dem Wort, das der Evangelist Matthäus (9,13; 12,7) Jesus gleich zweimal in den Mund legt:
Güte gefällt mir – nicht Schlachtopfer,
Gotteserkenntnis – nicht Brandopfer. (6,6)


Das ist es, worauf es ankommt.
 
 Hermann-Josef Venetz

samedi 24 mai 2014

Komm heute noch!


 Im so genannten Brevier, dem Stundengebetbuch der Kirche, las ich nach dem Vaterunser folgenden Zwischenruf:
Wie lange noch, Ewiger, bis der Tag deiner Herrschaft anbricht?
Komm, unser Retter, komm heute noch! 
 
Das Vaterunser darf durchaus etwas Dringliches an sich haben. Wir dürfen es auch stürmisch beten: Komm jetzt! Die Brotbitte enthält übrigens die Dringlichkeit des Heute: Gib uns heute unser täglich Brot. Ich höre die hungernden Kinder wimmern und weinen. Und ich höre die Väter und Mütter, die nichts haben, um sie zu ernähren. Sie brauchen heute noch, jetzt Hilfe.
Auch die Bitte um Vergebung hat etwas Dringliches an sich. Nicht damit die Dinge möglichst bald ‚erledigt’ sind, sondern dass wir möglichst bald frei werden von unseren Lasten und unseren Besessenheiten.

Aber dann hörte ich auch bei jeder Bitte jeweils das Echo von Gott her: ‚Wie soll mein Wille heute noch geschehen, wenn du ihn nicht erfüllst?’ ‚Wie soll ich heute noch kommen, wenn du doch nicht da bist, um mir zur Hand zu gehen?’ ‚Wie soll ich heute meinen Namen heiligen, wenn du nicht heute noch in diese Heiligung einstimmst?’

Wäre das nicht auch eine Art, das Vaterunser zu beten: dass wir bei jeder Bitte unsere Mithilfe anbieten? Zum Beispiel
- Geheiligt werde dein Name meiner Mithilfe darfst du gewiss sein.
- Dein Reich Komme – ich möchte dir dabei zur Hand gehen.
- Dein Wille geschehe – auf mich darfst zählen.
- Unser tägliches Brot gib uns heute – ich möchte es mit den Hungrigen zu teilen.
Mit verschränkten Armen oder mit den Händen in den Taschen lässt sich nicht beten. Erst recht nicht das Vaterunser.

Hermann-Josef Venetz

samedi 17 mai 2014


Glasmalerei von Jacques Düblin In den letzten Jahren wird nicht nur im Geburts- und Wohnhaus, sondern bei den Gottesdiensten und Andachten im Ranft

Ein Gebet zum Nachdenken
Nach der Überlieferung soll Niklaus von Flüe folgende Verse täglich gebetet haben:

Mein Herr und mein Gott,
nimm alles mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir, was mich führet zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Viele Menschen haben bei diesem Gebet ein ungutes Gefühl. Gibt man denn Gott so nicht eine Art Blankovollmacht? Nimm alles von mir…, gib alles mir… Das könnte doch einmal ins Auge gehen.
Nun, ich meine, dass das zum Risiko des Glaubens und des Betens gehört. Die Frage ist die, ob wir Gott zutrauen, dass er wirklich nur das Beste von uns und für uns will.
Mein Problem liegt anderswo. Ich empfinde dieses Gebet zu aufwühlend – wenn es denn überhaupt ein Gebet ist.

Nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Bin ich so sicher, dass Gott mir nehmen will, was ich ihm nicht freiwillig gebe?
Und was ich ihm freiwillig gebe, bin ich denn so sicher, dass er das auch will?

Gib alles mir, was mich führet zu dir.
Bin ich so sicher, dass Gott mir gibt oder gar aufdrängt, was ich vielleicht gar nicht möchte?
Und wenn ich das entgegennehme, was er mir geben möchte, soll es mich dann wirklich ganz zu ihm führen?

Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.
Bin ich so sicher, dass Gott mich mir nehmen und so gewissermassen in Besitz nehmen will? 
 
Und wenn ich mich ihm gebe, sollte es dann nicht mein grösster Wunsch sein, dass ich ich bleibe und Gott Gott bleibt?

Das Gebet von Bruder Klaus ist vielleicht weniger ein Gebet als eine Einladung zum andauernden tiefen Zwiegespräch.

Hermann-Josef Venetz

samedi 3 mai 2014

Ein Klagelied



In meinem Brevier, dem Gebetbuch für den täglichen Gebrauch, las ich neulich ein Klagelied mit dem Titel Wo warst du?


Es beginnt so:
Ich war traurig.
Doch du zeigtest dich gelassen.
Ich war traurig.
Doch du hattest keine Zeit.
Ich war traurig.
Doch du hast mich nicht getröstet.

So ging es weiter.
Ich merkte bald, dass es nicht mein Lied ist, 
mit dem ich mich bei Gott beklage. 
Ich empfand es eher als Klage Gottes mir gegenüber.
Wie sagte doch der Schriftsteller Heinrich Böll 
vor Jahren anlässlich des Karfreitags:

Jetzt ist es an der Zeit, Gott zu trösten.

Hermann-Josef Venetz

samedi 26 avril 2014

Die Sackgasse



Seit Bestehen der Menschheit wurde die Frage nach ‚Gott’ immer wieder gestellt und ganze Bibliotheken wurden zu diesem ‚Thema’ geschrieben: Gott ist allmächtig, allwissend, allgegenwärtig; er hat alles erschaffen, er steht über allem, sieht alles, hört alles… Man müsste doch meinen, zu diesem ‚Thema’ sei bereits alles gesagt und gehört und geschrieben und gelesen worden. Aber eben: Wir haben ‚Gott’ zum ‚Thema’ gemacht aber ihn nie zu Worte kommen lassen. Wir haben alles Mögliche in ihn hineinprojiziert und ihn so für uns zurechtgeschneidert. Wir haben uns einen Gott nach unserem Bild und Gleichnis gemacht und uns so in eine tödliche Sackgasse begeben.

Aus dieser Sackgasse könnte uns Jesus herausführen, wenn wir wirklich auf ihn sehen und ihn nicht zum altbekannten ‚Gott’ machen würden, von dem wir ja ganz genau zu wissen meinen, wer er ist und was er sagt. Wenn wir beim Reden über Jesus nur unser Reden über Gott wiederholen – er ist allmächtig, allwissend, allgegenwärtig – drehen wir uns weiterhin im Kreis und bleiben so in der tödlichen Sackgasse. Aus dieser Sackgasse wird uns nur der Jesus befreien, den wir nicht zum ‚Thema’ machen, sondern zu Worte kommen lassen, dem wir nachfolgen auf dem Weg zu den Armen und Hungernden, zu den Fremden und Abgeschriebenen.

Hermann-Josef Venetz

samedi 19 avril 2014

Gottes Sehnsucht


 Die Mystikerin Mechthild von Magdeburg – sie lebte im13. Jahrhundert – soll gesagt haben:
Gott hat an allen Dingen genug, nur allein die Berührung der Seele wird ihm nie genug.
Das klingt doch so, als ob Gott Sehnsucht habe nach den Menschen, so als ob er ihnen nie nahe genug sein könne. Dabei gibt es keinen Unterschied zwischen guten und bösen Menschen, zwischen starken und schwachen; zu ihnen könnte sogar ich gehören.
In einem Heilig-Geist-Lied heisst es:
Gottesgeist, komm und berühre mein mir verborgenes Ich.
Das Ich, das ich täglich erfahre – mit all seinen Stärken und Schwächen, mit allem Hoffen und Bangen und Scheitern – ist nicht das ganze Ich. Das eigentliche Ich im Tiefsten meiner selbst ist mir verborgen. Aber Gott soll dieses Ich berühren; es ist das Ziel seiner Sehnsucht.
In seinen Bekenntnissen spricht Aurelius Augustinus – er lebte im 4./5. Jahrhundert – vom deus intimior intimo meo, das heisst vom Gott der mir – wörtlich – intimer ist als mein Intimstes, mir näher als ich mir selber bin. Auch hier geht es nicht nur um mein oberflächliches Ich. Gott möchte meinem innersten, eigentlichen Ich nahe sein. In jedem Menschen, auch im korruptesten, wohnt ein solches Ich.
Die Idee von der Sehnsucht Gottes nach den Menschen, nach dem Innersten des Menschen lässt mich nicht mehr los.
Kürzlich sass ich im Bus an der Haltestelle beim Python-Platz in Freiburg. Am Rande einer Kundgebung sah ich eine Gruppe von geistig behinderten Kindern und Jugendlichen. Eine junge Frau beugte ihren Oberkörper unaufhörlich nach vorwärts und wieder zurück, vor und zurück, vor – zurück. Und es drängte sich mir die Frage auf: Hat Gott auch Sehnsucht nach dem Innersten dieses Geschöpfs? Und äussert sich vielleicht seine Sehnsucht gerade in den fast wilden Bewegungen dieser jungen Frau? – Und könnte es sein, dass auch diese junge Frau ihre Sehnsucht nach Gott nur mit diesen Bewegungen äussern kann?

Hermann-Josef Venetz

samedi 12 avril 2014

Schaut vorwärts !



Es macht wenig Sinn, darüber zu grübeln und sich darüber zu quälen, was man alles falsch gemacht oder vernachlässigt hat. Und wenn uns etwas Leidvolles zustösst, fragen wir um Himmels Willen nicht, wofür uns Gott bestrafen will. Gewiss sollen wir die Dinge, die schief gelaufen sind, wieder in Ordnung zu bringen, soweit das möglich ist, und Menschen, denen wir Unrecht getan haben, sollen wir um Verzeihung zu bitten. Quälen sollen wir uns aber nicht; Selbstvorwürfe blockieren nur; und Gott hat nicht das geringste Interesse daran, uns zu strafen. Vielmehr gilt es, jetzt da zu sein und es besser zu machen und ohne Hektik die Zeit zu nützen, die uns noch bleibt.

Leute kamen zu Jesus und berichteten ihm, dass der Turm am Siloach eingestürzt sei und achtzehn Menschen erschlagen habe. Jesus gestattet es nicht, nach der Schuld der Erschlagenen zu fragen; sie hatten nicht mehr Schuld auf sich geladen als alle anderen Bewohner Jerusalems. Die einzige Konsequenz, die es aus dem tragischen Vorfall zu ziehen gilt, ist diese: Kehrt um und fragt nach Gott und geht auf seinen Wegen! (vgl. Lk 13,1-5)

Ein anderes Mal begegnet Jesus mit seinen Jüngern einem blindgeborenen Mann. Die Frage der Jünger war prompt die nach der Schuld: Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde? Eben so prompt war die Antwort Jesu: Weder – noch! Fragt nicht nach der Schuld! Fragt nicht nach der Vergangenheit! Blickt viel mehr vorwärts, blickt vielmehr auf die Chancen, die Gott in seiner Weisheit diesem Menschen eröffnet! Und lasst euch in die Pläne Gottes einbinden! (vgl. Joh 9,1-3)

Glaubende Menschen lassen sich weder von der eigenen Schuld noch von der Schuld anderer erdrücken. Sie fragen nach Gott, der das Leben aller will.

Hermann-Josef Venetz

samedi 5 avril 2014




Als Jesus getauft wurde...

Alle vier Evangelisten berichten von der Taufe Jesu zu Beginn seines öffentlichen Auftretens, aber jeder setzt die Akzente etwas anders. Das ist nicht verwunderlich. Die Tatsache, dass Jesus von Johannes getauft worden ist, war für die ersten Christen ein Problem. Wenn Jesus von Johannes getauft worden ist, muss Johannes doch bedeutender gewesen sein als Jesus, und so sahen manche gut-gläubige Menschen in Johannes den Messias. Hier mussten die Dinge zurecht gerückt werden: Nicht er (der Täufer) war das Licht, er sollte nur Zeugnis geben vom Licht, heisst es im Johannesprolog (Joh 1,8).

Den Evangelisten ging es nicht so sehr um das Faktum der Taufe Jesu als vielmehr um die Deutung des Geschehens. Die Texte sind voll der Hinweise:
- der geöffnete Himmel ist wie eine Antwort auf den Hilfeschrei des Volkes im Exil: O dass du die Himmel zerrissest und herabstiegest... (Jes 63,19);
- der Geist Gottes ist derselbe, der am Anfang über den Wassern schwebte (Gen 1,2);
- Jesus, der Knecht, der Erwählte, an dem Gott sein Wohlgefallen hat und auf den er seinen Geist legt (Jes 42,1), ist der Sohn Gottes;
und noch an vieles mehr wird hier erinnert. Geballte Theologie aus verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Facetten.

Aber so vielfältig die Evangelisten das Geschehen schildern und interpretieren, eines fehlt doch bei keinem von ihnen: die Taube. In früheren Zeiten hatte die Taube auch ausserhalb des Christentums eine religiöse Bedeutung, war sie doch als Vogel dem Himmel näher als alle anderen Geschöpfe. Dazu kam aber noch eine weitere Bedeutung: sie galt ganz einfach als schön, lieblich, sanft, zärtlich und inspirierte zu Liebesgedichten, denken wir nur an das Hohelied der Liebe im Ersten Testament, wo der Bräutigam von seiner Braut schwärmt: Deine Augen sind wie die einer Taube (1,15). 

 

Die Taube als Symbol des Friedens und der Zärtlichkeit ist von der Taufe Jesu nicht wegzudenken, nicht wegzudenken von der Beziehung Gottes zu seinem geliebten Sohn und zu allen Menschenkindern. Im ersten Johannesbrief (4,9) heisst es:
Gott ist Liebe
ebenso könnte man auch sagen:
Gott ist Zärtlichkeit.

Hermann-Josef Venetz

samedi 29 mars 2014

Das Problem mit der Gegenseitigkeit






Das Problem mit der Gegenseitigkeit

Unser Zusammenleben, sei es privat, sei es gesellschaftlich, ist auf Gegenseitigkeit begründet, auf Bedingungen, die erfüllt werden müssen.
- Wenn du die Prüfung bestehst, bekommst du das Zeugnis.
- Ich habe die Arbeit nach Vorschrift erledigt, also habe ich Anrecht auf den entsprechenden Lohn.
Jeder Anstellungsvertrag, jeder Kaufvertrag, jeder Ehevertrag enthält ausdrücklich oder auch unausgesprochen solche Bedingungen, die erfüllt oder eben auch nicht erfüllt werden.
So geht es auch in unserem ganz privaten Leben zu und her.
- Ich bin bereit für uns jeden Tag zu kochen, sagt die Frau ihrem Mann, wenn du dein Büro in Ordnung hältst.
- Ich wasche ab, sagt der Mann seiner Frau, wenn du mir das Hemd bügelst.
- Wenn du mir den Wagen ausleihst, gehe ich auf dem Weg zur Vorstandsitzung deine Mutter besuchen.
Unsere Beziehungen beruhen auf Gegenseitigkeit. Es geht um den guten Ausgleich. Wir wollen niemandem etwas schulden. Wir wollen miteinander quitt sein. Wie du mir, so ich dir. Das nennen wir ‚Gerechtigkeit’.
Nun habe ich den starken Verdacht, dass wir diese Art von Beziehung auch auf unser Verhältnis zu Gott übertragen.
- Ich verspreche dem heiligen Antonius 20 Franken, wenn ich den Kellerschlüssel wiederfinde.
- Wenn meine Frau das Kind, das sie erwartet, gesund zur Welt bringt, werden wir eine Messe lesen lassen.
- Wenn wir vom Unwetter verschont bleiben, werden wir an der Weggabelung ein Kreuz aufstellen.
Um noch ein bisschen mehr Druck aufzusetzen, erfülle ich die Bedingung schon zum Vornherein.
- Ich mache eine Wallfahrt nach Lourdes, damit ich geheilt werde.
- Ich gebe 100 Franken an das Fastenopfer, damit der Deal mit dem Geschäftspartner gelingt.
- Ich bete einen Rosenkranz, damit die Tochter die Stelle bekommt.
Um es klar und deutlich zu sagen: Mit diesem ‚Spiel’ will Gott  nichts zu tun haben.
Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! (Joh 2,16)
Er ist nicht bereit, bei diesem Markt mitzumachen und auf die Bedingungen, die wir stellen, einzugehen. Und er selbst stellt auch keine Bedingungen.
Der Grund ist ein sehr einfacher:
 Gott ist Liebe (1Joh 4,8)
und Liebe stellt keine Bedingungen.
So begeben wir uns in eine Welt, die von der unseren völlig verschieden ist. Es ist Gottes Welt.




Hermann-Josef Venetz

samedi 22 mars 2014

Durststrecken



Wenn ein Mensch, um ein Ziel zu erreichen, eine längere Zeit durch ein Gebiet gehen muss, das kein Wasser führt, nennt man das eine Durststrecke. Im übertragenen Sinn ist damit eine Zeitspanne voller Entbehrungen und Einschränkungen gemeint, eine zeitweilige Bedrängnis, die es zu überstehen gilt, eine Zeit, in der man wenig verdient, ja kaum sein Auskommen hat, eine Zeit, deren Ende man dringend erwartet.
Durststrecken gibt es auch in Beziehungen zwischen Menschen, so wenn zwei Liebende – wie und aus was für Gründen auch immer – voneinander getrennt sind und nichts sehnlicher erwarten als einander wiederzufinden.

Von Durststrecken sprechen auch Mystiker. Das sind Menschen, die unbeschreiblich tiefe Erfahrungen mit Gott machen und immer wieder Momente des Einsseins mit Gott erfahren dürfen, Momente innigster Zweisamkeit. Die Zeiten zwischen diesen Momenten des Tanzes, in dem das fliessende Licht der Gottheit sie durchdringt, empfindet z.B. die Mystikerin Mechthild von Magdeburg (13. Jahrhundert) als Wüste der Gottabwesenheit, als dunkle Nacht‚ ja als Todesschattenschlucht. Diese Finsternis erleiden und die Gottesferne aushalten, das sind die langen Durststrecken der Mystiker.

Nun, wir brauchen von Mystik nichts zu verstehen. Vielleicht haben wir eine leise Ahnung von Momenten inniger Zweisamkeit mit Gott, vielleicht auch eine leise Ahnung von Durststrecken, wenn wir von der Nähe Gottes höchst selten oder kaum je etwas spüren sondern nur ersehnen. Nur: Warum spricht man in unserer Beziehung zu Gott nur von den Durststrecken der Menschen und nicht auch von den Durststrecken Gottes?

Hermann-Josef Venetz


samedi 15 mars 2014

Zum Leben rufen


 Am Fest der heiligen Maria von Magdala (22. Juli) wird in der römisch-katholischen Liturgie ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen (20,1-2.11-18).  Darin wird erzählt, dass Maria am ersten Wochentag frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab kam, in dem sie den Leichnam Jesu vermutete. Da sie das Grab leer fand, alarmierte sie umgehend Simon Petrus und den Jünger den Jesus liebte und machte sich dann selbst auf die Suche nach Jesus. Und sie fand ihn auch. Allerdings meinte sie zuerst, es sei der Gärtner. In der Erzählung heisst es dann:
Jesus sagte zu ihr: ‚Maria!’ Da erkannte sie ihn…
Der Kommentator schrieb dazu:
»Durch Jesu Ruf kam sie zum Leben.«

Am Nachmittag machte ich einen Spaziergang auf dem Friedhof meines Wohnortes. Ich stellte mir vor, wie der Auferstandene jede und jeden, die da auf dem Friedhof lagen, beim Namen ruft.

In den so genannten Fürbitten des Gottesdienstes las ich im Anschluss an das Evangeliums unter anderem:
»Wenn unsere Augen verdunkelt sind und wir dich nicht erkennen, ruf uns beim Namen.«

Das wäre doch auch eine christliche Sendung:  alle Menschen beim Namen zu rufen, damit sie zum Leben kommen.

Hermann-Josef Venetz